Wien/London. Wenn der Auktionator von Sotheby's in London in den Raum schaut, dann fixiert er stets den letzten Höchstbieter. In jüngster Zeit kommt es aber öfter vor, dass der Auktionator in Richtung Decke starrt – dorthin, wo die Kamera hängt. Denn immer mehr Kunstliebhaber verzichten auf einen Flug nach London – oder die traditionelle Telefonbetreuung – und schalten sich live zu: via Internet.
Nun ist diese Entwicklung für sich allein gesehen keine Überraschung: Auch der Kunstmarkt entdeckt die Möglichkeiten des Netzes für sich. Aber das ist nur eine Facette. Tatsächlich braut sich etwas zusammen in dieser Branche: Der an sich sehr traditionelle, Jahrhunderte alte Markt scheint sich endgültig zu entstauben und immer stärker auch für Anleger und Banken interessant zu werden– „dank“ Wirtschaftskrise und Globalisierung. Und vor allem wegen des kaum zu stillenden Appetits neureicher Chinesen nach Luxus. Auch für den Kleinanleger bietet das Chancen – aber auch große Risken.
Kunst als Investment ist freilich nichts Neues – genau genommen ist dieser „Markt“ älter als jede Börse. Dabei ist die Faszination für Kunst aus der Perspektive heutiger Finanzmärkte eher schwierig zu verstehen. Ein Andy Warhol wirft keine Rendite ab – und er zahlt keine Dividenden. Trotzdem reißen sich die HNWI (High Net Worth Individuals – vulgo „Superreiche“) dieser Welt um derartige Bluechips, wie wahrlich bombensichere Kunstinvestments in Anlehnung an Aktien auch genannt werden.
Auch bei moderner Kunst gibt es solche Bluechips inzwischen – so wie Damien Hirst. Und weil moderne Kunst als eher spekulativ gilt, ziehen die 20 bekanntesten modernen Künstler ganze 77 Prozent des Geldes an – wie der neueste „Art and Finance Report“ von Deloitte ergibt.
Freilich: Der allergrößte Teil der Kunstkäufe ist laut den Umfragen von Deloitte immer noch eine „emotionale“ Angelegenheit – im Gegensatz zu einem „rationalen“ Investment. Aber die Dinge ändern sich rasch.
Und die „Unsicherheiten in der Finanzwelt“ sind einer der Hauptgründe. Die Superreichen sehen ihre Kunstsammlungen verstärkt als Werkzeug zur Diversifizierung – auch weil klassische Wertpapiere dafür nicht mehr zu taugen scheinen. Rund vier Billionen Dollar stecken heute in sogenannten Treasure Assets (nicht zu verwechseln mit US-Staatsanleihen, den Treasuries) – darin sind die Edelmetalle Gold und Silber allerdings inkludiert. Die Wahrheit ist: Wie groß der Kunstmarkt ist und wie viel Geld hineinfließt, lässt sich sehr schwer sagen. Nicht alle Stücke werden öffentlich versteigert – vom Schwarzmarkt ganz zu schweigen. Deloitte sieht aber einen eindeutigen Trend hin zu einem „transparenteren“ Kunstmarkt.
So gibt es mehrere Versuche, die Entwicklung des Marktes anhand von Indizes darzustellen – von denen der Mei-Moses-Index, der ähnlich dem Case-Shiller-Immo-Index funktioniert, wohl der bekannteste ist. Gleichzeitig entstehen (und verschwinden) Kunstbörsen und Online-Auktionshäuser. Im Netz sehen die Experten von Deloitte auch die größten Wachstumschancen: Der Markt benötigt vor allem verlässliche Informationen, so der Report.
Die Banken stellen sich nach und nach auf die Bedürfnisse ihrer Kunden ein. Vor zwei Jahren gaben noch fast zwei Drittel der befragten Privatbanker an, mit Kunst würde man sich nur zum „Entertainment“ seiner Kunden beschäftigen. Inzwischen sieht man das Bedürfnis nach Beratung und Expertise in diesem Bereich ganz deutlich.
Auch weil die Kunden ihre Kunstsammlungen öfter als Sicherheit für Kredite einsetzen wollen. Kuriosester Fall: Vergangenen Monat hinterlegte ein ehemaliger Goldman-Sachs-Mitarbeiter seine Sammlung von 15.000 Edelweinen als Sicherheit für einen Kredit.
Auch der Markt für Kunst-Investmentfonds wächst immer stärker, allein im Jahr 2012 um fast 70 Prozent (an Volumen)– von 960 Mio. Dollar auf 1,62 Mrd. Dollar (siehe Tipps). Fonds bieten Anlegern mit wenig Kunsterfahrung die Möglichkeit, am Markt teilzunehmen.
Das klingt zuerst attraktiv, vor allem weil der Kunstmarkt sich seit 2008 als sehr krisenresistent erwiesen hat. Derartige Kunstderivate bergen aber dasselbe Risiko wie etwa Edelmetallfonds: Rechtlich sind die echten Assets, also die Kunstgegenstände, im Besitz der Fonds. Außerdem entstehen die allermeisten Fonds nicht in Europa, sondern in China.
Fazit: Der Kunstmarkt wächst zusammen, die Preise klettern trotz Krise. Langsam wird „die Masse“ aufmerksam. Die Schwelle für Anleger ist aber (noch) hoch. Entweder es fehlt an grundlegendem Wissen, an guten Informationen oder am notwendigen Kleingeld. Oder an allem zusammen.
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